Was haben Flöhe mit Menschen und Hochseilakte mit dem Büroalltag gemein? Für das Führungsteam der BD Essen klärten sich diese Fragen beim Teamtraining in Bitburg

Eine Eigenart der Flöhe ist, dass sie oft, gerne und hoch springen. Steckt man eine Anzahl von ihnen in ein leeres Wasserglas, springen sie mit Freude sofort wieder raus. Legt man nun eine Glasplatte auf dieses Glas, springen die Flöhe nach wie vor, stossen sich dabei aber immer gehörig den Kopf. Nach einer kurzen Zeit haben sie gelernt, „reduziert“ zu springen, gerade so hoch, dass sie sich nicht weh tun. Nimmt man später die Glasscheibe wieder weg, springen sie nicht mehr, ihrem Leistungsvermögen entsprechend, hinaus, sondern nach wie vor nur reduziert.

Dieses Verhalten (Lernen durch Konditionierung) erscheint geradezu menschlich, denken wir nur an die klassische Kindererziehung oder das Führungsprinzip „Zuckerbrot und Peitsche“. Auch wir stossen uns ständig den Kopf, wenn wir mit guten Ideen auf Unverständnis stossen oder wenn wir persönliches Engagement nicht durch Erfolg belohnt sehen. Auch wir – sei es als Team oder als Einzelperson – haben „gelernt“ und bleiben deshalb oft unter unserem eigentlichen Leistungsvermögen.
Es gibt (bei Flöhen!) nur einen Weg, die alte Leistungsbereitschaft wiederherzustellen: Eine neue emotionale Reizquelle muss gesetzt werden – z.B. durch Erhitzen des Glasbodens.
Der Spezies „Homo sapiens“ stehen zum Glück noch angenehmere Wege offen, die eigentliche Leistungsfähig- keit wiederzufinden als die schmerzvollen Erfahrungen der Flöhe.

 

Erlebnisorientiertes Lernen – in einem Hochseil-Klettergarten!

Dieser Herausforderung stellte sich das Führungsteam der Allianz BK Essen bei einem 3-tägigen Teamtraining, begleitet von Alfred P. Braun, Verhaltenstrainer der HV München. Ein „Incentive der besonderen Art“ sollte es werden; „neben Spaß soll es echt etwas bringen“, so die Zielsetzung von Manfred Zabelberg, dem Leiter der Bezirksdirektion. Dieser vermeintliche Spagat war denn auch die Aufgabenstellung der drei Tage: Stärkung des Teamgeistes und neue Motivation für jeden einzelnen gewinnen, „die eigenen Grenzen infrage stellen und die Kompetenz erweitern“, wie Orgabereichsleiter Jürgen Rennspies es ausdrückte. „Die drei Tage nur heil überstehen“ war das sicherlich nicht ganz ernst zu nehmende Primärziel von Büroleiter Franz Mergler, drückte aber wohl das verständliche Unwohlsein aus, das den einen oder anderen beim Anblick des in 6 bis 12 Meter Höhe installierten Trainingsparcours in Bitburg beschlich. So diente denn auch der erste Tag mehr der Einstimmung auf die anspruchsvollen Teamaufgaben; wie im klassischen Teamtraining wurde die Ist-Situation analysiert, Beziehungen zueinander offengelegt und Konfliktfelder bearbeitet.

Bei strahlendem Sonnenschein ging es dann endlich auf die Anlage, wo Stefan und Helga von der PROVENTURE Managementberatung allen das passende Outfit, Gurtzeug und Helme, verpaßte. Das Erlebnis der Sicherheit, das Team hinter sich zu haben, das Vertrauen in die gemeinsame Stärke zu fühlen und letztendlich die Erkenntnis, dass man gemeinsam schier unlösbare Aufgaben bewältigen kann, waren die Lernziele des Tages.
Die erste Übung, der „Trust Fall“, fordert vom einzelnen das Vertrauen, sich von einer 1,70 m hohen Plattform rückwärts in die Arme der Gruppe fallen zu lassen. Eine scheinbar einfache Übung, die jedoch nach der Erfahrung von Stefan sehr viel über den Entwicklungsstand eines Teams, den Teamspirit, aussagt. Bei den auffangenden Personen liegt die Herausforderung in der vollen Konzentration auf das fallende Teammitglied, für das sie die volle Verantwortung übernehmen. Das Erlebnis, von seinem Team aufgefangen zu werden, steigert die eigene Risikobereitschaft und damit das Selbstvertrauen – auch und vor allem für die tägliche Arbeit.
Nach dem „Low V“, einer Partnerübung, geht es zum „Mohawk Walk“, der ersten Teamübung. Mit unterschiedlichen Hilfsmitteln muss das Team einen imaginären Sumpf überqueren; hier sind Kooperation, Solidarität und Hilfsbereitschaft gefragt. Nur gemeinsam ist diese Aufgabe zu bewältigen und ein überhastetes Vorgehen nach dem Motto „Ich schaff´das schon“ wird schnell bestraft. Wie im Berufsleben braucht man neben einer effektiven Strategie das Engagement und die Kommunikationsfähigkeit aller Teammitglieder.
Als schließlich der letzte des Teams erfolgreich den Sumpf überquert hat, haben sich alle – mit ein wenig Stolz natürlich – ihr erstes Mineralwasser redlich verdient.

Die Stärkung ist wichtig, weil es jetzt ans „Eingemachte“ geht: das erste Hochelement, ein simples freischwingendes Drahtseil, muss in 6 Meter Höhe überquert werden, mit zwei durchhängenden Tauen an den Seiten, die einem die Illusion von Geländer vermitteln sollen. Auch hier hat die Gruppe wieder ins Alltagsleben übertragbare Funktionen: sie feuert an, sie motiviert, gibt Halt und sichert ab.

 

Herausforderungen machen glücklich und müde

Nach der Einstimmung auf die Höhe treibt die nächste Aufgabe vielen – nicht nur wegen der Sonnenstrahlen – die Schweißperlen auf die Stirn: eine echte Herausforderung, das „blinde“ Vertrauen ins Team, wenn der Teilnehmer mit verbundenen Augen nur auf die Anweisungen der Gruppe hin eine frei schwebende beschädigte Brücke aus dünnen Holzbrettern, ohne Möglichkeit sich irgendwo festzuhalten, überqueren muß. „Birma Bridge“ heißt diese Übung, für einige vielleicht ein Grund, bei der nächsten Urlaubsplanung dieses fernöstliche Land nicht zu berücksichtigen.
Als Orgabereichsleiterin Dagmar Schütte auf der wackligen Brücke steht, herrscht atemlose Stillen, sogar vorübergehende Wanderer werden von der Spannung eingefangen, man Spürt, wie das Team ihr Kraft gibt und hofft, dass sie diese schwierige Aufgabe löst. Auch ihr „Buddy“, ihr Lernpartner Jürgen, ist voll konzentriert und gibt seine Anweisungen klar und umsichtig. Als Dagmar das „rettende“ Ende erreicht, fühlt sich das ganze Team als Sieger und freut sich mit ihr über diesen Erfolg.
Natürlich gibt es den einen oder anderen, der auf eine Übung verzichtet: hier gilt – wie überall – das Prinzip der Freiwilligkeit.

Nach dieser Übung gibt es nur noch Herausforderungen: Erfolg macht hungrig (Mittagspause!), alle sind gespannt auf die nächsten Aufgaben und das „Team Cross“, eine aus Schrägbalken gebaute Wand, die von allen überwunden werden muss, wird locker und souverän angegangen. Es kommt kein „das schaffen wir niemals“, es gibt auch nicht mehr das überhastete Lospreschen einzelner: das Team hat gelernt. Nach einer kurzen Beratung über die richtige Strategie geht die Gruppe gemeinsam ans Werk und nach Abschluß der Übung wird der Erfolg schon als etwas ganz Normales angesehen. Viele fiebern schon dem absoluten Highlight entgegen: dem Pamper Pole, einem 8 Meter hohen Pfosten, nur weich verankert, damit er schwanken kann, mit einem Durchmesser von nicht mal 30 cm.

„Dieser mächtige Pfahl, der unendlich weit in den Himmel zu ragen scheint, lässt einem schon die Knie weich werden; aber weniger das Hinaufklettern ist das Problem, vielmehr besteht die Schwierigkeit darin, sich auf die Spitze zu stellen, aufzurichten, eine halbe Drehung zu vollbringen und dann möglichst mit Genuß abzuspringen, allein in die Sicherung des Teams“, erklärt Stefan die Aufgabe.

Der Zeitplan gerät aus den Fugen: statt der erwarteten ein oder zwei Personen, die sich üblicherweise an diese Aufgabe heran trauen, sind es mehr als die Hälfte des Führungsteams, die tief durchatmen, auf die eigene Leistungsfähigkeit bauen und die Energie und Unterstützung des Teams aufnehmen. Ein anerkennendes Lächeln von Stefan zeigt, dass dieses Team wirklich gewachsen ist.

„Das Gefühl, dort oben zu stehen, ist unbeschreiblich, ein Glücksgefühl ohnegleichen, ein Moment, den man niemals vergisst“, so der Orgabereichsleiter Sascha Dohmen, der sich auch bewußt einen „Anker“ gesetzt hat, eine Bewegung, die ihn immer an seinen großen Erfolg erinnert und die er abrufen kann, wenn er für seine beruflichen Herausforderungen Kraft braucht.

(Alfred P. Braun, Allianz AG)

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